MANIFEST

Internationales Netzwerk für Trans*-Entpathologisierung 2009

Die Aktivist_innen und Gruppen, die dieses Dokument unterzeichnen und das Internationale Netzwerk für Trans*-Entpathologisierung, denunzieren öffentlich die Psychiatrisierung unserer Identitäten und die schwerwiegenden Folgen der sogenannten „Geschlechtsidentitätsstörungen“ (GIS). Ebenso möchten wir die Gewalt sichtbar machen, die an intersexuellen Personen mittels der geltenden medizinischen Verfahren ausgeübt wird.

Unter “Psychiatrisierung” verstehen wir die Praktik, die Transsexualität unter dem Status psychischer Krankheit zu definieren und zu behandeln. Wir beziehen uns damit auch auf die Gleichsetzung nicht normativer Identitäten und Körper (solcher, die sich außerhalb der dominierenden kulturellen Ordnung verorten) mit pathologischen Identitäten und Körpern. Die Psychiatrisierung gibt die Kontrolle über die Geschlechtsidentitäten an die medizinisch-psychiatrischen Institutionen ab. Die offizielle, von staatlichen, religiösen, ökonomischen und politischen Interessen motivierte Praktik dieser Institutionen arbeitet mit den Körpern der Personen, unter dem Schutzschild und in Reproduktion des Binoms Mann/Frau, indem sie diese ausschließende Position als eine natürliche und „wahrhaftige“ Realität verkleidet. Das genannte Binom setzt die alleinige Existenz von zwei Körpern (Mann oder Frau) voraus und assoziiert ein spezifisches Verhalten mit jeweils einem (männlich und weiblich), wobei traditionell die Heterosexualität als einzige mögliche Beziehung zwischen beiden angesehen wurde. Indem wir jetzt dieses Paradigma anklagen, welches das Argument der Biologie und der Natur als Rechtfertigung der herrschenden sozialen Ordnung verwendet, stellen wir seine sozialen Effekte dar, um seinen politischen Ansprüchen ein Ende zu machen.

Die Körper, die anatomisch nicht der herrschenden, westlichen medizinischen Klassifizierung entsprechen, werden unter der Kategorie der Intersexualität erfasst, ein Zustand, der „per se“ als pathologisch angesehen wird. Die medizinische Klassifizierung besteht dagegen, bis zum heutigen Tag, unhinterfragt weiter. Die Transsexualität wird ebenso als eine an sich problematische Realität konzeptualisiert. Die Geschlechtsideologie, die der Psychiatrie zu Grunde liegt, besteht dagegen bis heute unhinterfragt weiter.

Diese sozialen Normen zu legitimieren, die unsere Erfahrungen und Gefühle einschränken, bedeutet die restlichen Optionen unsichtbar zu machen und zu pathologisieren, und einen einzigen Weg vorzuschreiben, ohne das Dogma in Frage zu stellen, auf dem unsere Gesellschaft aufbaut: die einzigartige und exklusive Existenz von nur zwei Formen des Seins und des Fühlens. Wenn Unsichtbarmachen bedeutet, normalisierende und gewaltsame Eingriffe an Neugeborenen, die mit funktionellen, uneindeutigen Genitalen geboren wurden, vorzunehmen, wird dies so gemacht, nur um die Möglichkeit dieser Körper aus zu löschen, und die Existenz der Andersartigkeit zu verhindern.

Das Paradigma, auf dem die aktuellen klinischen Verfahren der Transsexualität und Intersexualität aufbauen, verwandeln diese in medizinische Prozesse binärer Normalisierung. „Normalisierung“, denn sie reduzieren die Vielfalt auf nur zwei Formen, zu leben und die Welt zu bewohnen: die statistisch und politisch als „normal“ angesehenen. Und mit unserer Kritik an diesen Prozessen widersetzen wir uns auch, uns an die psychiatrischen Definitionen von Mann und Frau anzupassen, um unsere Identitäten zu leben und damit der Wert unserer Leben anerkannt wird, ohne auf die Vielfalt zu verzichten, in der wir uns verstehen. Wir befolgen keine Art von Kategorisierung, Etikettierung noch Definition die uns von der medizinischen Institution auferlegt wird. Wir fordern unser Recht ein, uns selbst zu benennen.

Derzeitig wird die Transsexualität als „Geschlechtsidentitätsstörung“ angesehen, als psychische Pathologie, die im ICD-10 (Internationale Klassifikation von Krankheiten und anderer Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation) und im DSM-IV-R (diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen der American Psychiatric Association) aufgeführt wird. Diese Klassifikationen weisen den Psychiater_innen der ganzen Welt den Weg bei der Erstellung von Diagnosen. In diesen Handbüchern wird ein nicht ganz zufälliger Fehler begangen: die Verwechslung der Effekte der Transphobie mit denen der Transsexualität. Dabei wird die soziale Gewalt unsichtbar gemacht, die über diejenigen ausgeübt wird, die sich nicht an die Geschlechtsnormen anpassen. Auf diese Weise wird bewusst übersehen, dass das Problem nicht die Geschlechtsidentität, sondern die Transphobie ist.

Die Überarbeitung des DSM-IV-R stellt einen Prozess dar, der vor zwei Jahren begann, mit dem Ziel, die Veränderungen in der Liste der Krankheiten zu bestimmen. In den letzen Monaten wurden die Namen der Psychiater veröffentlicht, welche die Zukunft der Geschlechtsidentitätsstörungen (GIS) bestimmen.

Die Arbeitsgruppe über den GIS wird von Dr. Zucker geleitet, zusammen mit Dr. Blanchard, u.a. Diese Psychiater, die bekannt dafür sind, Konversionstherapien zur Behandlung von Homosexuellen und Transsexuellen durchzuführen und die in Verbindung mit Kliniken zur Behandlung intersexueller Personen stehen, schlagen nicht nur nicht vor, den Begriff des GIS zu streichen, sondern fordern seine Anwendung auf Kinder auszuweiten, die nicht-normatives Geschlechtsverhalten zeigen, und an ihnen Konversionstherapien in Richtung der bei der Geburt zugeschriebenen Geschlechtsrolle anzuwenden. Aus diesem Grunde hat die nordamerikanische Trans*-Bewegung dazu aufgerufen, diese Psychiater von der Überarbeitung des DSM auszuschlieβen. Das Internationale Netzwerk für Trans*-Entpathologisierung schlieβt sich ohne Vorbehalte dem genannten Aufruf an.

Die Pathologisierung der Transsexualität mit Hilfe des Konzeptes der “Geschlechtsidentitätsstörung“ ist eine schwerwiegende Anwendung von Kontrolle und Normalisierung. Die Behandlung dieser Störung wird in Behandlungszentren der ganzen Welt durchgeführt. In Fällen wie dem des spanischen Staates ist es zwingend, eine psychiatrische Evaluierung in „Einheiten zur Behandlung von Geschlechtsstörungen“ (Unidades de Trastornos de Identidades de Género) mit zu machen, die an einigen Orten mit einer wöchentlichen Kontrolle unserer Geschlechtsidentitäten durch Gruppen und Familientherapien verbunden ist, sowie mit verschiedenen Arten erniedrigender Prozesse, die unsere Rechte verletzen. Für den spanischen Kontext muss hervorgehoben werden, dass alle Personen, die ihren Namen in der Dokumentation verändern oder hormonelle oder chirurgische Körperveränderungen vornehmen möchten, notwendigerweise eine psychiatrische Praxis aufsuchen müssen.

Zuletzt wenden wir uns direkt an die politische Klasse. Unsere Forderung ist klar:

  • Wir fordern die Streichung der Transsexualität aus den Handbüchern psychischer Krankheiten (DSM-IV-TR und ICD-10). 
  • Wir fordern das Recht ein, Namen und Geschlecht in unseren offiziellen Dokumenten zu verändern, ohne Notwendigkeit einer medizinischen oder psychologischen Evaluierung. Auβerdem glauben wir fest daran, dass der Staat keinen Anspruch über unsere Namen, unsere Körper und unsere Identitäten haben sollte.
  • Wir machen uns die Worte der feministischen Bewegung im Kampf um das Recht zur Abtreibung und das Recht über den eigenen Körper zu eigen, wir fordern unser Recht ein, frei darüber zu entscheiden, ob wir unsere Körper verändern wollen oder nicht, und unsere Entscheidung ohne bürokratische, politische und ökonomische Blockaden und auβerhalb jeglichen medizinischen Zwangs zu treffen. Wir wollen, dass die Gesundheitssysteme gegen den Begriff der Störung der Geschlechtsidentität Position einnehmen, unter Anerkennung der Transphobie, welcher der aktuellen Klassifizierung zu Grund liegt, und dass sie die klinischen Protokolle der Transsexualität verändern, und die psychiatrische Evaluierung zu einem unnötigen Schritt und die psychotherapeutische Begleitung zu einer freiwilligen Option machen.
  • Wir fordern auch die Einstellung der Operationen an intersexuellen Neugeborenen.
  • Wir denunzieren die extreme Verletzlichkeit und die Zugangsschwierigkeiten zum Arbeitsmarkt für Trans*-Personen Wir fordern, dass der Zugang zur Arbeitswelt und die Ingangsetzung spezifischer Politiken garantiert werden, um der Marginalisierung und Diskriminierung unseres Kollektivs ein Ende zu setzen. Wir fordern auβerdem Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen für die Sexarbeit und das Ende polizeilicher Verfolgung dieser Personen, sowie das Ende des Menschenhandels.
  • Diese Situation der Verletzlichkeit verstärkt sich im Falle migrierter Trans-Personen, die in unser Land auf der Flucht von Situationen extremer Gewalt kommen. Wir verlangen die unmittelbare Erteilung politischen Asyls in diesen Fällen, und fordern gleichzeitig die vollständige rechtliche Stellung der migrierten Personen. Wir klagen die Auswirkungen der aktuellen Ausländerpolitik auf die sozial verletzlichsten Sektoren an.
  • Wir sprechen laut aus, dass wir keine Opfer sind, sondern Personen, die über ihre eigene Identität aktiv bestimmen. Wir wollen auch an alle Aggressionen und Mordfälle an Transpersonen, sowie Selbstmorde von Trans-Personen erinnern, die durch Transphobie ausgelöst wurden. Wir weisen auf die Schuld des Systems an diesen Gewaltakten hin. Das Schweigen bedeutet Komplizenschaft.

Schlieβlich wollen wir die extreme Starrheit offensichtlich machen, mit dem sich das Binom Mann/Frau aufzwängt, als einzige und ausschlieβliche Kategorie, ein Binom das konstruiert ist und in Frage gestellt werden kann. Allein unsere Existenz zeigt die Falschheit der Polarisierung und weist auf eine verschiedenartige und vielfältige Realität hin. Eine Vielfalt, die wir heute würdigen.

Wenn die Medizin und der Staat uns als psychisch gestört definieren, stellen sie unter Beweis, dass unsere Identitäten, unsere Leben ihr System stört. Daher sagen wir dass die Krankheit nicht in uns ist, sondern im Zweigeschlechtersystem.

Wir kündigen an, dass das Internationale Netzwerk für  Trans*- Entpathologisierung entstanden ist, um eine weltweite Koordinierung um ein erstes Ziel zu festigen: die Streichung der Transsexualität aus dem DSM-IV-TR im Jahr 2013. En erster Schritt hin zur Vielfalt, ein erster Schlag für die Transphobie.

¡Für die Vielfalt unserer Körper und unserer Identitäten!

¡Die Transphobie macht uns krank!

INTERNATIONALES NETZWERK

FÜR TRANS*-

ENTPATHOLOGISIERUNG